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"Eine Pandemie hatte niemand auf dem Zettel"

"Mein Plan B": Interview mit Olaf Menne (Lautstrom) über Künstlerbooking, Tourmanagement und Corona

Interview von Martell Beigang
veröffentlicht am 26.05.2020

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"Mein Plan B": Interview mit Olaf Menne (Lautstrom) über Künstlerbooking, Tourmanagement und Corona

Olaf Menne (43), Künstlerbooking und Tourmanagement. © Thorsten Hennig

Nur wenige Musiker leben davon, ausschließlich mit ihrer eigenen Musik auf der Bühne zu stehen. Für die meisten Profis besteht ihr Job aus ganz unterschiedlichen Facetten. In dieser gerade so besonderen Zeit muss man umso kreativer nach neuen, weiteren Wegen suchen. In unserer Serie Plan B stellen wir euch Kollegen vor, die interessante Nischen besetzen. Heute: Olaf Menne, Künstlerbooker und Tourmanager.

Ich spreche mit Olaf am Telefon, die Leitung führt von Köln nach Paderborn. Im Hintergrund höre ich Kinder spielen.

"Ich war immer schon derjenige, der die Konzerte gebucht hat"

Backstage PRO: Wo treffe ich dich an, im Homeoffice?

Olaf: Natürlich. Aber mein Büro war immer schon zu Hause. Lautstrom ist ein Ein-Mann Unternehmen und ich arbeite mit bis zu fünf freien Mitarbeitern, die auch alle von zu Hause tätig sind. Seit Corona muss ich allerdings gleichzeitig auf meine drei Kinder aufpassen.

Backstage PRO: Wie bist du damals zu deinem Beruf gekommen? Du warst vorher selbst Musiker, oder?

Olaf: Als Teenager habe ich mal in einer Deutschpunk-Band gespielt und war immer schon derjenige, der die Konzerte gebucht hat. Das war noch in den Neunziger Jahren, als es noch kein Internet gab. Da habe ich mit Adresslisten gearbeitet. Es gab in der Punkszene z.B. das Heftchen: „Buch dein eigenes beficktes Leben“, mit dem ich tatsächlich einige Auftritte an Land ziehen konnte. Dann habe ich eigene Austauschgigs mit anderen Bands gebucht und ein Festival organisiert, bei denen wir uns unsere eigenen Helden eingeladen haben. Das Festival ist dann ein bisschen größer geworden. Ich hatte plötzlich um die 500 Bewerbungen von Bands, die bei uns spielen wollten. Und so bin ich nach und nach in meinen Job geraten.

Backstage PRO: Wie viele Künstler hast du heute im Portfolio?

Olaf: Wenn du auf meine Homepage guckst, siehst du dort achtzehn Künstler. Für manche bin ich der Exklusivbooker, bin also für alle Auftritte verantwortlich, für andere buche ich z.B. nur die Sommershows. Hinzu kommt bei mir der Bereich des Event-Bookings, wo ich im Auftrag von Veranstaltern komplette Programme buche.

"Ich habe einen eigenen Corona-Absage-Counter eingerichtet"

Backstage PRO: Corona hat die Welt auf den Kopf gestellt. Wie genau ist Deine Arbeit davon betroffen?

Olaf: Meine Arbeit ist total davon betroffen. Wir haben ja seit Mitte März ein quasi Berufsverbot für Musiker, es dürfen keine Konzertveranstaltungen mehr stattfinden. Ich habe einen eigenen Corona-Absage-Counter eingerichtet. Bis Ende August sind bislang 184 Shows betroffen.

Backstage PRO: Worin besteht gerade deine Hauptarbeit?

Olaf: Von den 184 Shows wurden 60 richtig abgesagt. Manche Veranstalter hoffen immer noch, dass manche Shows doch noch durchgeführt werden können, zum Beispiel mit weniger Zuschauern und hoffen dabei auf Unterstützung ihrer Stadt, damit die Veranstaltung wirtschaftlich bleibt. Die meisten Konzerte werden verlegt. Im März waren wir noch optimistisch und haben neue Daten für Ende Mai oder Juni gemacht, an die Termine gehen wir jetzt allerdings nochmal ran und verschieben sie weiter nach hinten.

Die meisten werden ins nächste Jahr verschoben. Programme von diesem werden oft ins nächste Jahr gespiegelt. Fürs nächste Jahr ist das praktisch, aber für dieses Jahr natürlich sehr ungünstig. Die Einnahmen der Sommersaison 2020 fallen damit einfach komplett weg. Im Moment muss ich mich erneut um die Shows kümmern, die vor Corona fest gebucht waren, was sehr frustrierend ist. Das ist ja Arbeit, die ich vor Monaten schon gemacht habe.

Ich sehe bei jeder Show, was dahintersteckt: Oft wurde dazu stundenlang geplant, verhandelt, Verträge gemacht, Promomaterial verschickt und jetzt geht die Arbeit weiter. Ich sammle die Absagen für die Künstler, damit sie etwaige Förderungen beantragen können, muss den Ticketverkauf rückabwickeln, plane mit den örtlichen Veranstaltern Ersatztermine, bei denen wir noch gar nicht wissen, ob sie überhaupt stattfinden werden.

"Ich habe im Moment einen so gut wie 100%igen Ausfall"

Backstage PRO: Haftet jemand in irgendeiner Form für die ausgefallenen Veranstaltungen?

Olaf: Es ist juristisch so, dass die ganzen Corona-Absagen Falle von höherer Gewalt sind. Man vereinbart in Gastspielverträgen klassischerweise, dass bei höherer Gewalt beide Vertragsparteien ihre Kosten selbst tragen. Das schreibt man da rein, weil es natürlich immer vorkommen kann, dass ein Künstler erkrankt, und damit er in diesem Fall keine Ausfallgage an den Veranstalter zahlen muss. Veranstalter denken bei höherer Gewalt in erster Linie an Unwetter und schützen dadurch ihre Openair-Veranstaltungen. Eine Pandemie hatte da bislang niemand auf dem Zettel.

Dadurch habe ich im Moment einen so gut wie 100%igen Ausfall. Bei manchen wenigen Städten ist es so, dass sie sagen: Ihr habt zwar keinen Anspruch, aber wir haben unsere Kulturbudgets, die ja eh verplant waren im Haushalt ausgewiesen und deswegen zahlen wir euch eine freiwillige Ausfallgage. Aber das ist eher selten. Bei meinen ausgefallen Konzerten geht es um eine Summe von 340.000 €, davon bekomme ich womöglich 9000 € erstattet. Das sind freiwillige Ausfallgagen von Veranstaltern, die es halt können und die sich in die Situation der Künstler hineinversetzen.

Backstage PRO: Inwieweit konntest du die ausgefallenen Konzerte verschieben?

Olaf: Von den 184 Shows wurden 60 abgesagt, 100 verschoben in den Herbst oder ins nächste Jahr, bei 20 ist es noch offen und da wird kurzfristig entschieden.

Backstage PRO: Werden überhaupt noch neue Veranstaltungen gebucht im Moment?

Olaf: Es gibt durchaus die eine oder andere Buchung fürs nächste Jahr, aber das ist natürlich überhaupt nicht vergleichbar mit normalen Zeiten. Spontan werden gerade Autokinokonzerte gebucht. Davon habe ich gerade 5 vermittelt.

Jetzt gibt es auch den ersten Biergarten, der Veranstaltungen macht. In NRW sind neuerdings wieder kleine Konzerte bis 100 Personen mit bestimmten Auflagen möglich.

[Hier findet ihr unsere Übersicht zur aktuellen Situation in den Bundesländern; Anm.d.Red.]

Backstage PRO: Gibt es eine brancheninterne Schätzung, wann es wieder richtig losgeht?

Olaf: Einige Virologen meinen ja, dass echte Konzerte nicht vor Herbst 2021 stattfinden werden können. Das wäre natürlich für unsere Branche eine totale Katastrophe. Es werden gerade Konzepte erarbeitet, was möglich ist, und die müssen dann jeweils von den Ordnungsämtern abgesegnet werden. Und dann wird es wieder das ein oder andere Konzert geben. Aber realistisch wird das nur möglich sein, wenn die Veranstalter dazu eine Förderung bekommen. Wirtschaftlich wird so was erstmal nicht möglich sein. Ich habe eine Show in einer Berliner Freilichtbühne, die 500 Plätze hat. Die wollen ihre Veranstaltung durchführen und dürfen nun 110 Leute reinlassen. Die Veranstaltungen sind aber mit 500 Zuschauern kalkuliert. Da muss nun jeder extreme Abstriche machen. Damit wird keiner wirklich Geld verdienen und die Konzerte werden auch nur möglich, weil es eine städtische Einrichtung ist.

Backstage PRO: Bekommst du Soforthilfe vom Staat?

Olaf: Ja, ich bin ja Soloselbstständiger und habe diese 9000 € auch bekommen. Ich muss allerdings wahrscheinlich einen großen Teil wieder zurückzahlen, weil ich einfach keinen riesigen Kostenapparat habe. Ich arbeite von zu Hause aus, wohne im eigenen Haus. Ich habe zwar ein Auto und diverse Softwarelizenzen die monatlich anfallen, aber die Betriebskosten sind bei mir einfach nicht so hoch. Seit ein paar Tagen ist klar, dass ich 2000 €  – weil ich in NRW arbeite – an Lebenserhaltungskosten ansetzen kann für drei Monate.

"Ich stelle mein Business um. Das Konzertstreaming ist dabei am wichtigsten."

Backstage PRO: Hast du alternative Einnahmequellen erschlossen?

Olaf: Gerade stelle ich mein Business um. Ich versuche für meine Künstler in der jetzigen Situation, wo man reguläre Konzerte nicht spielen kann, trotzdem noch systemrelevant zu bleiben. Ich helfe ihnen neue Möglichkeiten zu schaffen, wie man doch auftreten und wie man die ein oder andere Einnahme generieren kann.

Backstage PRO: Interessant. Was könnte das sein?

Olaf: Da experimentieren wir gerade rum. Das Konzertstreaming ist dabei am wichtigsten. Ich halte nichts von diesen spontan im eigenen Wohnzimmer mit Handy gefilmten Videos. Damit kann man keine Einnahmen generieren. Aber wenn man es wirklich schafft, ein Konzert auf einer echten Bühne mit voller Ton- und Lichttechnik zu spielen und dabei echte Liveatmosphäre zu den Fans zu transportieren, dann sind die auch durchaus bereit dafür etwas zu zahlen.

Backstage PRO: Mit welchen Bands hast du das geschafft?

Olaf: Die erste Band, mit der ich das gemacht habe, war schon am 28.3. die Band Goodbeats. Die Jungs haben eine Show gespielt, bei der durchschnittlich 850 Leute permanent zugeschaut haben. Insgesamt haben etwa 5000 Leute mal reingeklickt. Und von den 850, die dauernd zugeschaut haben, hat ungefähr jeder Dritte etwas bezahlt in Form einer Spende. Wir haben das Konzert kostenfrei angeboten, aber klar darauf hingewiesen, dass sich das Konzert refinanzieren muss und dass wir da die Unterstützung der Zuschauer brauchen. Viele haben das auch eingesehen und haben teilweise auch deutlich mehr bezahlt als einen normalen Eintrittspreis.

So etwas kann klappen. Aber man muss es auch schaffen, eine hohe Sound- und Bildqualität zu liefern. Viele Zuschauer haben ja inzwischen eine gute TV-Anlage zu Hause, sprich die gucken das nicht auf dem Smartphone oder Tablet, sondern auf einem Smart-TV mit riesigem Bildschirm und guter Soundanlage. Wenn der Stream die Qualität hat, kann das wirklich eine Art Konzertersatz sein.

"Autokonzerte sind keine Selbstläufer"

Backstage PRO: Hast Du noch andere Ideen?

Olaf: Die ersten Künstler haben jetzt Autokino-Konzerte gespielt. Das hat durchaus seinen Reiz. Es ist schon ungewöhnlich Applaus zu hupen. Das funktioniert nicht bei jedem Künstler. Ich glaube für Comedians, die von Lachern leben, könnte es schwierig sein. Bei Musik mit Parts, wo man auch die Hupen und Lichthupen im Takt einbauen kann, kann das funktionieren. Viele Veranstalter planen das gerade, aber oft wird nichts daraus, weil das wirtschaftliche Risiko schon ziemlich hoch ist und es zeigt sich jetzt schon, dass die Autokonzerte keine Selbstläufer sind. Es ist nicht so, dass da sofort alle hin rasen, da muss man schon vernünftige Werbearbeit leisten und auch ein gescheites Programm anbieten, damit das attraktiv ist.

Eine andere Geschichte, die wir mit „Reis against the Spülmachine“ jetzt zweimal gemacht haben, sind Auftritte in Zoom-Konferenzen. Die Band hat dazu aufgerufen, Videokonferenz-Partys zu veranstalten. In 20 dieser Konferenzen hat sich die Band dann zwischen 18h und 23h jeweils 15 Minuten eingeklinkt und ein Minikonzert gegeben. Sie haben 5 Stunden lang durchgespielt und 20 Kurzauftritte gegeben. Das war anstrengend, aber es war unter dem Strich quasi eine komplette Deutschland-Tour. Es waren sogar Zuschauer aus Australien dabei.

Backstage PRO: Haben sie damit auch Einnahmen generiert?

Olaf: Die Band hatte dazu aufgerufen per paypal etwas zu spenden. Leider war der technische Aufwand ziemlich hoch. Sie haben auf vier Kanälen gesendet: 3 Kameraperspektiven und ein Kanal für die Tonspur. Die Kosten kamen rein, aber verdient haben sie eigentlich nichts. Aber das Experiment ist durchaus ausbaufähig. Momentan läuft halt viel über freiwillige Zahlungen. Man könnte das aber in Zukunft auch bepreisen. Das zum Beispiel der Auftritt in einer Zoomkonferenz einen bestimmten Preis hat.

Genauso gut könnte man Streams hinter eine sogenannte Paywall packen, sodass man die Streams nur sehen kann, wenn man einen bestimmten Betrag bezahlt. Ich glaube da muss noch ein bisschen Zeit ins Land gehen, bis so etwas wirklich akzeptiert wird. Im Moment ist der Markt für so etwas einfach übervoll mit kostenlosen Angeboten. Da müssen Künstler allgemein aufpassen, dass der Wert eines Livekonzertes nicht total verloren geht. Ich rate meinen Künstlern auch, dass sie einen Konzertstream nicht im Internet lassen sollen, höchstens für 24 Stunden, damit der Eventcharakter erhalten bleibt.

"Kultur-Mäzene, Patrone, Sponsoren und Fundraising werden wichtiger"

Backstage PRO: Wirst du weiter machen in deinem Job?

Olaf: Lacht. Ja klar. Ich versuche das. Ich habe das Glück, dass meine Frau systemrelevant ist. Sie ist Grundschullehrerin und hat jetzt ihre Stunden hochgefahren und ich bin jetzt schwerpunktmäßig für die Kinder zuständig. Homeschooling ist hier angesagt. Ich habe momentan eigentlich beim Booken mehr Arbeit, als vor der Krise. Es ist nur Arbeit, die dummerweise nicht bezahlt wird.

Backstage PRO: Hast du noch Tipps für Kollegen aus der Branche oder für Musiker?

Olaf: Mein Tipp lautet: Denke extrem digital! Und überprüfe einfach mal, wie du deine Kunst komplett in die digitale Welt überführen kannst. Da haben viele keinen Bock drauf. Das kann ich nachvollziehen. Aber trotzdem muss man in die Richtung denken, denn es wird vielleicht noch öfter dazu kommen, dass wir für ein paar Monate keine Konzerte mehr geben dürfen. Ich finde durchaus, dass es digital funktionieren kann. Zum Beispiel mit Videokonferenzen kann man sehr effektiv arbeiten und man kann sich viele unnötige Reisen sparen. Man muss halt auch mal die positiven Effekte der jetzigen Situation sehen.

Kultur-Mäzene, Patrone, Sponsoren, Fundraising sind jetzt Bereiche, die immer wichtiger werden für Kulturschaffende. Als Agentur versuche ich meine Künstler dahin auf den Weg zu bringen. Ich sehe meinen Job auch darin, bei Streams dafür zu sorgen, dass sie effektiv sind. Dafür muss man werben und entsprechende Partner suchen, um auf Plattformen zu kommen, die einem die richtige Reichweite bringen.

Backstage PRO: Vielen Dank für die spannenden Einblicke. Ich wünsche dir viel Erfolg und langen Atem in dieser anspruchsvollen Zeit!

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Agentur Lautstrom

Artist-Management, Booking-Agentur in 33102 Paderborn

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