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"Wir möchten einfach nur überleben"

Interview mit Felix Grädler über die Schließung der halle02 in Heidelberg

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 30.06.2020

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Interview mit Felix Grädler über die Schließung der halle02 in Heidelberg

Felix Grädler ist gemeinsam mit Hannes Seibold Geschäftsführer der halle02. © halle02

In der halle02 in Heidelberg werden künftig keine Konzerte mehr stattfinden. Wir sprachen mit Felix Grädler, einem der beiden Geschäftsführer, über die Ursachen der Entscheidung und die dramatische Lage der deutschen Clubszene.

Die halle02 in Heidelberg "pausiert" ihr Kulturprogramm auf unbestimmte Zeit – diese Nachricht sendet Schockwellen durch die gesamte deutsche Musik-, Kultur- und Veranstaltungsszene.

Mit dieser Entscheidung verschwindet einer der führenden Live-Clubs Südwestdeutschlands vorerst von der Bildfläche – und das trotz aller Beteuerungen der Bundesregierung und der Länder, die Clubszene am Leben erhalten zu wollen. Wir sprachen mit Geschäftsführer Felix Grädler über die Gründe.

Backstage PRO: Felix, was bedeutet genau "Pausierung" des Kulturprogramms?

Felix Grädler: Das bedeutet, dass wir jetzt und auch dann, wenn es rein rechtlich wieder möglich ist, kein Veranstaltungsprogramm in der halle02 anbieten werden. 

Backstage PRO: Partys und ähnliche Formate werden ebenfalls nicht mehr stattfinden?

Felix Grädler: Es wird kein von der halle02 kuratiertes oder verantwortetes Programm und keine subventionierten Vermietungen mehr geben.

Backstage PRO: Externe Konzertveranstalter können euch aber noch buchen?

Felix Grädler: Es gibt unter gewissen Voraussetzungen die Möglichkeit, den Ort "Güterbahnhof Heidelberg" als Raum anzumieten, aber wie beispielsweise beim Maimarkt Mannheim mietet man nur die Räumlichkeiten an und muss alle Dienstleistungen selbst erbringen. Außerdem können wir keine subventionierten Mieten wie vorher anbieten, sondern müssen wirtschaftlich tragfähige Mieten verlangen. Es stellt sich die Frage, ob sich das für Veranstalter lohnt.

Backstage PRO: Warum habt ihr euch jetzt zu diesem Schritt entschlossen?

Felix Grädler: Wir sind ein rein privatwirtschaftliches Unternehmen und erhalten seit 2017 keine staatliche Förderungen von Bund, Land oder der Stadt Heidelberg. Wir hätten gerne weitere Kulturveranstaltungen durchgeführt, weil unser Herz daran hängt, aber es geht einfach nicht. Organisierte Vereine oder geförderte Veranstaltungshäuser müssen nicht wirtschaftlich denken und arbeiten. 

Backstage PRO: Der Bund hat ja bekundet, unbedingt verhindern zu wollen, dass die Clubs deutschlandweit reihenweise pleite gehen und Hilfen angekündigt. Warum habt ihr dennoch keine Perspektive gesehen?

Felix Grädler: Wir kennen die Programme im Grundsatz und haben sie auch für unsere Kalkulation berücksichtigt. Sie verhindern, dass wir Insolvenz anmelden müssen, aber es ist nicht davon auszugehen, dass sie noch massiv aufgestockt werden.

"Wir verlieren jeden Monat sehr viel Geld"

Backstage PRO: Für euch kam es also nicht in Frage, einfach auf Sicht zu fahren und von Monat zu Monat zu schauen, wie es weitergeht?

Felix Grädler: Jeder Monat, den wir weitermachen, ohne eine Entscheidung zu treffen, kostet enorm viel Geld. Die Frage ist, ob diese Vorgehensweise unternehmerisch verantwortungsvoll ist. 

Backstage PRO: Ihr habt euch gegen das Durchwurschteln entschieden.

Felix Grädler:  Genau. Wir haben unser Schicksal in die Hand genommen und uns eine Finanzierung gesichert, um unser Unternehmen bis Ende 2021 zu sichern. Wir gehen allerdings von einer Marktveränderung aus, die weitere Risiken mit sich bringt.

Backstage PRO: Was meinst du damit?

Felix Grädler: Irgendwann dürfen bzw. müssen wir wieder Veranstaltungen durchführen und das ist unser Hauptproblem. Wir mussten schon vorher mit extrem geringen Renditen im Konzertgeschäft kämpfen, aber die Voraussetzungen werden danach noch viel schlechter sein. Nicht umsonst gab es schon vor der Coronakrise das Clubsterben als Dauerthema. 

Backstage PRO: Worin siehst du die Hauptprobleme?

Felix Grädler: Nach Corona wird der Markt aufgrund von verschiedenen Faktoren völlig überhitzt sein. Zum einen gibt es Häuser, die nicht wirtschaftlich denken müssen – das sage ich wertungsfrei. Dazu zählen Kollektive, die ehrenamtlich Festivals veranstalten, aber auch staatlich geförderte Veranstaltungshäuser. Dazu zählen aber auch Marktteilnehmer, die quasi Monopolisten sind und jetzt schon damit beginnen, Verträge in ihrem Sinn zu verändern. Dazu weiß man nicht, wie das Publikum reagieren wird. Strömen sie in Scharen in die Clubs oder kommen sie gar nicht?

"Das Risiko eines irreparablen Schadens ist zu groß"

Backstage PRO: Aktuell sind die meisten Konzerte verschoben.

Felix Grädler: Genau, sie sind in Zeiträume verschoben, in denen sowieso schon Konzerte geplant sind, so dass man die doppelte Zahl von Konzerten hat wie vorher. Niemand weiß, ob das Publikum das mitmacht. Wenn dann noch Hygiene- oder Abstandsauflagen hinzukommen, so dass wir unsere Kapazität nur begrenzt nutzen können, dann ist es uns nicht möglich, wirtschaftlich zu arbeiten. Und wir haben alle Konzepte durchgespielt. Das Risiko, einen irreparablen Schaden zu erzeugen, ist schlichtweg zu groß.

Backstage PRO: In eurer Pressemitteilung sagt ihr, dass ihr euch auf andere Geschäftsfelder konzentrieren müsst. Damit meint ihr wahrscheinlich Business-Events, aber die sind ja auch weggebrochen. Oder?

Felix Grädler: Ja, das ist richtig, aber wir reden von der Zeit, in der diese Veranstaltungen wieder erlaubt sein werden. Wir gehen davon aus, dass diese Business-Events dann auch wieder wirtschaftlich tragbar sind, so wie sie es vorher waren. Darauf werden wir uns ebenso konzentrieren wie auf neue Geschäftsmodelle.

Backstage PRO: Woran denkt ihr in diesem Zusammenhang?

Felix Grädler: Im klassischen Gastronomie-Bereich gibt es Dinner- und Variete-Formate, die häufig in Zelten veranstaltet werden. Eine weitere Möglichkeit sind neuartige, innovative Konferenz-Formate, die viel mit Digitalisierung und Interaktion zu tun haben. Insgesamt sehe ich im Business-Bereich viel Potenzial, weil die Nachfrage besteht und im Vergleich zur Clubszene alles sehr viel planbarer und wirtschaftlich tragfähig ist."

"Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern"

Backstage PRO: Was müsste sich denn ändern, damit Clubkonzerte wieder wirtschaftlich tragfähig sind?

Felix Grädler: Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen sich ändern: Dazu zählt der Kulturraumschutz, die Anerkennung von Clubs als Kulturorten, aber auch neue Finanzierungsmodelle. Wir bilden in der Clubkultur die Stars von morgen aus, aber wir profitieren nicht davon, während solche Modelle in anderen Bereichen durchaus existieren. In der Musikbranche gibt es das nicht. Die allergrößten Stars haben klein angefangen, was würde passieren, wenn es diese Auftrittsmöglichkeiten in kleinen Clubs nicht mehr gibt? Wir reden aber auch von der GEMA, von der Künstler profitieren, aber nicht die Veranstalter, die ja letztlich die Aufbauarbeit leisten. Es muss ein Umdenken stattfinden. Kein Clubbetreiber will reich werden, was bei manchen Künstlern durchaus der Fall ist, sie möchten nur überleben. Wenn das schon zu viel verlangt ist, dann läuft in der gesamten Branche etwas falsch.

Backstage PRO: Wie dringend ist der Handlungsbedarf?

Felix Grädler: Jeder, der bei klarem wirtschaftlichen Verstand ist, kann nicht einfach "weiter so" sagen. Die Frage ist: Finden wir eine Lösung des Problems im Sinn einer Partnerschaft? Wir haben schon häufig über Zukunftsperspektiven diskutiert, zahlreiche Konferenzen und Panels veranstaltet, Netzwerke wie EventKultur Rhein-Neckar mitbegründet oder uns in Branchenvereinigungen wie der LiveKomm engagiert. Wir sind in der vergleichsweise komfortablen Lage, dass wir ein zweites Geschäftsmodell besitzen, das wir weiterentwickeln können, aber viele andere Clubs haben das ja gar nicht.

Backstage PRO: Ihr hattet im März eine Spendenaktion gestartet und darüber auch einen fünfstelligen Betrag eingenommen. Die Leute haben ja deshalb gespendet, um das Kulturprogramm am Leben zu erhalten. Was sagst du denjenigen, die jetzt sagen: "Toll, ich habe denen mein Geld geschenkt und sie schließen dennoch."

Felix Grädler: Allen unseren Spendern haben wir angeboten, die Spende zurückzunehmen, wenn sie allein aus dem Grund gespendet haben, dass wir weiterhin mit einem Kulturprogramm geöffnet haben oder aus anderen Gründen ihre Spende zurückziehen wollen.

"Überall in der Branche geht es um die Existenz"

Backstage PRO: Du bist ja im Vorstand der LiveKomm und insgesamt in der Branche gut vernetzt. Was hörst du denn von anderen Clubs?

Felix Grädler: Wir haben das ja gerade erst veröffentlicht, ich bin auch auf das Feedback gespannt. Ich denke, viele überlegen sich, den gleichen Schritt zu gehen. Überall in der Branche geht es um die Existenz. Drei Monate kann man einen geschlossenen Club vielleicht am Leben erhalten – aber danach? Es ist tragisch genug, wenn die Location wegfällt, aber das geht ja noch viel weiter: Inhaber, Mitarbeiter, Veranstalter, Künstler – alle stehen vor dem Nichts. Obwohl wir uns aufgrund unseres zweiten Geschäftsmodells in einer vergleichsweise komfortablen Lage befinden, mussten wir dennoch Kredite im mittleren sechsstelligen Bereich aufnehmen, die wir natürlich auch irgendwann zurückzahlen müssen. Bei anderen geht das Licht bald vielleicht für immer aus.

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