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Eventplanung mit kühlem Kopf

Festivalbooker Stephan Thanscheidt von FKP Scorpio (Hurricane/Southside): "Wir leben Gleichberechtigung"

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 08.02.2019

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Festivalbooker Stephan Thanscheidt von FKP Scorpio (Hurricane/Southside): "Wir leben Gleichberechtigung"

Stephan Thanscheidt ist CEO von FKP Scorpio. © FKP Scorpio

Verkaufzahlen, Wetterprognosen, Sicherheitsanforderungen oder die jüngste Kritik am männerdominierten Festival-Line-Up: Stefan Thanscheidt bringt so schnell nichts aus der Ruhe, obwohl viel Verantwortung auf seinen Schultern liegt. Schließlich ist er CEO bei FKP Scorpio und dort u.a. für das Booking der Festivals Hurricane/Southside, Highfield und A Summer's Tale verantwortlich. Wir sprachen mit ihm übers Festivalbooking und darüber, was Newcomer tun müssen, damit Veranstaltungsagenturen auf sie aufmerksam werden.

Backstage PRO: Auf der Seite von FKP Scorpio wirst du neben Folkert Koopmanns als zweiter CEO genannt. Wie läuft eure Zusammenarbeit ab? Herrscht mehr oder minder strikte Aufgabentrennung oder arbeitet ihr in allen oder den meisten Fragen eng zusammen?

Stephan Thanscheidt: Folkert und ich führen gemeinsam die Europa-Gruppe von FKP Scorpio. Dabei hat jeder natürlich bestimmte Schwerpunkte, um die er sich intensiver kümmert. Insgesamt gehen wir aber sehr gemeinschaftlich vor und stimmen uns in allen Belangen eng miteinander ab.

"Der Booking-Prozess beginnt bereits vor der Vorjahresausgabe"

Backstage PRO: Du bist oberster Verantwortlicher des Bookings für die großen FKP-Festivals wie Hurricane bzw. Southside, Highfield und A Summer's Tale – um nur einige zu nennen. Wie geht ihr praktisch vor, um die passenden Bands für eure Festivals zu finden?

Stephan Thanscheidt: Unsere Festivals haben alle ein bestimmtes programmatisches Profil, an dem wir uns orientieren und darauf abgestimmt passende Künstlerinnen und Künstler buchen. Beim A Summer’s Tale funktionieren andere Bands als beim Hurricane. Wir sammeln das ganze Jahr über Ideen für das Line-Up und beginnen bereits vor der Vorjahresausgabe mit dem Booking-Prozess. Die ersten Entscheidungen für das Hurricane 2019 fallen dementsprechend also bereits im Frühjahr 2018. Wir kennen den Markt sehr genau und wissen so entsprechend frühzeitig, ob eine Band, die wir gern machen möchten, im Festivalzeitraum verfügbar sein wird.

Backstage PRO: Wie schnell könnt ihr auf Trends reagieren?

Stephan Thanscheidt: Wir halten natürlich stets die Augen auf nach Nachwuchsinterpretinnen und -interpreten und haben ein sehr gutes Netzwerk an internationalen und nationalen Agenten und Managements sowie natürlich ein eigenes großes Roster an spannenden Künstlern, die wir auch gern auf unseren Festivals präsentieren.

Backstage PRO: Letztes Jahr waren Hurricane und Southside (wie auch andere große deutsche Festivals) nicht ausverkauft. Wie seid ihr mit dem aktuellen Stand des Vorverkaufs für die beiden Festivals zufrieden?

Stephan Thanscheidt: Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir sehr zufrieden mit dem Vorverkaufsstand der beiden Festivals. Die bisher bestätigten Künstlerinnen und Künstler, u.a. Foo Fighters, Mumford & Sons, Die Toten Hosen, The Cure, Macklemore und Tame Impala und viele mehr sind gut angekommen. Wir wissen zudem aus unseren Umfragen und auch den Feedbacks über die sozialen Medien, dass unsere Besucherinnen und Besucher im vergangenen Jahr eine tolle Zeit bei unseren Festivals hatten. Das spiegelt sich dementsprechend im Vorverkauf wieder. Wir blicken also sehr optimistisch Richtung Sommer und freuen uns auf eine unvergessliche Festival-Saison 2019!

"Wir setzen uns dafür ein, weibliche Talente zu fördern"

Backstage PRO: Kürzlich saht ihr euch der Kritik ausgesetzt, dass in der ersten Hurricane/Southside-Bandwelle Frauen unterrepräsentiert waren. Müssen Veranstalter künftig auf ein ausgeglichenes Booking in Hinblick auf Frauen und Männer achten?

Stephan Thanscheidt: Das oberste Ziel unseres Line-ups ist die künstlerisch-musikalische Diversität, eben eine reizvolle Mischung aus bekannten Namen und Newcomern. Diesen Anspruch müssen wir im Dialog mit den Künstlern und Besuchern zudem mit logistischen, zeitlichen und ökonomischen Faktoren unter einen Hut bringen. In den für uns relevanten Genres gibt es großartige Musikerinnen, aber eben noch nicht in der Häufigkeit, dass es uns immer gelingt, ein Zeichen zu setzen. Das ist nicht optimal, als Veranstalter sind wir damit ebenfalls nicht zufrieden und setzen uns dafür ein, weibliche Talente zu fördern und in all unseren Formaten zu präsentieren, denn neben Festivals veranstalten wir ja auch Tourneen und Konzerte. Aktuelle Beispiele dafür sind etwa P!NK, Amy MacDonald, Florence + The Machine, Lake Street Dive, Sharon Van Etten oder Adia Victoria.

Backstage PRO: Trotz der erwähnten Beispiele gibt es offensichtlich einen Mangel. Wie kann man den beheben?

Stephan Thanscheidt: Dass Frauen in manchen Musikrichtungen in der Unterzahl sind, hat komplexe Gründe: Neben gesellschaftlich und medial geprägten Rollenbildern fallen erste Entscheidungen auch schon unbewusst bei der Musikinstrumentenwahl. Festivals sind immer Ausprägungen unserer Gegenwartskultur, und einer nachhaltigen Veränderung muss zwingend ein gesamtgesellschaftlicher kultureller Wandel vorangehen.

Backstage PRO: Wie befördert ihr diesen Wandel?

Stephan Thanscheidt: Wir setzen darum im Zuge unserer Arbeit dort an, wo die besagten Weichen gestellt werden, beispielsweise in der Musikförderung. In Kooperation mit dem bundesweiten Schulband-Wettbewerb "Schooljam" ermutigen wir bewusst auch junge Mädchen, den Schritt auf die Hurricane-Bühne zu wagen. Natürlich arbeiten wir als Konzertagentur auch mit zahlreichen Künstlerinnen und leben Gleichberechtigung in der Unternehmensführung nach innen und außen. Wir sehen das Problem also genauso und arbeiten darum an verschiedenen langfristigen Lösungen.

"Wo man sonst Bauzäune stellen müsste, reicht beim A Summer’s Tale ein dezentes Hinweisschild, weil das Publikum hier insgesamt viel achtsamer ist"

Backstage PRO: Ein deutlicher Trend in der Festivalbranche sind "Komfortfestivals" wie A Summers Tale, die sich an vornehmlich etwas ältere Besucher richten, die gerne ein Musikfestival erleben, aber nicht unbedingt im Zelt campen möchten. Was sind die Chancen und die Herausforderung bei der Organisation solcher Festivals?

Stephan Thanscheidt: Diese neuen Konzepte machen uns sehr viel Spaß und gerade A Summer’s Tale ist ein absolutes Herzensprojekt von uns. Ich würde auch gar nicht unbedingt sagen, dass sich dieses Festival gezielt an ein erwachsenes Publikum richtet. Vielmehr hat es für alle Generationen etwas zu bieten. Vor Ort begegnen sich ganz unterschiedliche Menschen aller Altersklassen und genau das macht das ganz besondere Flair hier aus. Eine Herausforderung dabei ist natürlich, dieses besondere Konzept nach außen hin zu erklären. Mund-zu-Mund-Propaganda ist da eigentlich das Werbemittel, das am besten funktioniert.

Backstage PRO: Was macht den besonderen Charakter von A Summer’s Tale aus?

Stephan Thanscheidt: Wir können auf diesem Festival viel ausprobieren und haben viele Freiheiten, die wir uns auf anderen Veranstaltungen nicht nehmen können. Wo man sonst Bauzäune stellen müsste, reicht beim A Summer’s Tale ein dezentes Hinweisschild, weil das Publikum hier insgesamt viel achtsamer ist. Das ist jedes Mal wieder toll zu beobachten. Was uns hier auch sehr gefällt, ist die programmatische Vielfalt und dass auch leisere Programmpunkte, wie Lesungen, einen vollwertigen Platz im Festivalgefüge finden. Im letzten Jahr war neben vielen spannenden Vorträgen und großen Show-Formaten z.B. auch der Nachbau einer Antarktis-Forschungsstation vor Ort, in der man mit den echten Forschern per Live-Schalte sprechen konnte. Wo sonst gelingt ein solcher Spagat zwischen Musikfestival, Kultur und Wissensvermittlung?

"Man kann auch auf schwierige Wetterlagen gut vorbereitet sein"

Backstage PRO: Du hast in einem älteren Interview gesagt "Festivals sind knapp kalkuliert": Aber als Veranstalter kann man nicht alles vorhersehen, vor allem nicht das Wetter. Wie geht man mit diesen Unwägbarkeiten um, wenn es um Millionen geht?

Stephan Thanscheidt: Das Wetter ist und bleibt einer der letzten nicht planbaren Faktoren eines Open Air-Festivals. Sehr wohl kann man aber bestmöglich vorsorgen und unterschiedliche Maßnahmen ergreifen, um auch auf schwierige Wetterlagen gut vorbereitet zu sein. Hier sind wir außerordentlich gut aufgestellt. Wir arbeiten bei all unseren Events mit den zuständigen Behörden und verantwortlichen Gewerken vorbildlich Hand in Hand. Zudem sind wir gegen bestimmte Risiken versichert, falls Mutter Natur uns trotz alledem einmal einen Strich durch die Rechnung macht. Kurz gesagt: Wir tun in puncto Vorsorge-Maßnahmen alles in unserer Möglichkeit stehende, um auch mit extremen Wetterlagen fertig zu werden.

"Die Besucher sollen sich den Eintritt zu unseren Festivals und Konzerten leisten können"

Backstage PRO: Gagen steigen, Sicherheitsanforderungen steigen, die internationale Konkurrenz nimmt zu – können die Ticketpreise immer weiter steigen? Wann ist das Ende der Fahnenstange erreicht?

Stephan Thanscheidt: Diese Frage lässt sich kaum pauschal beantworten, da die Preisgestaltung je nach Veranstaltung von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig ist, die wiederum von Thema zu Thema unterschiedlich starken Einfluss haben. Generell lässt sich aber sagen, dass sich in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen von Großevents geändert haben und an vielen Stellen teurer geworden sind. Wir zielen dennoch darauf ab, dass sich die Besucher den Eintritt zu unseren Festivals und Konzerten leisten können und wir ihnen insgesamt ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Die Tatsache, dass wir auf ein Geschäftsjahr mit sehr vielen sehr gut verkauften Themen zurückblicken, zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.

Backstage PRO: Beim Aufbau neuer Konzepte sind Verluste fast unvermeidlich. Wie wichtig ist die Cross-Finanzierung neuer Projekte beispielsweise auch von Nachwuchskünstlern durch große, profitable Events wie beispielsweise Ed Sheeran oder die Rolling Stones?

Stephan Thanscheidt: Das stimmt, die Mischung macht es möglich, dass wir Themen aufbauen können, von denen wir überzeugt sind und die sich vielleicht nicht auf Anhieb selbst tragen, weil sie eine gewisse Zeit brauchen, um sich zu entwickeln. Es ist uns im Übrigen auch ein wichtiges Anliegen, auf diese Art und Weise Nachwuchsförderung zu betreiben. Um ein Beispiel zu nennen: Vor einigen Jahren haben wir auf der kleinsten Bühne beim "Rolling Stone Weekender" einen bis dato noch recht unbekannten Künstler aus England präsentiert, der dort mit seiner Gitarre seine erste Deutschland-Show überhaupt spielte. Heute füllt Ed Sheeran Stadien auf der ganzen Welt.

"Eine mitreißende Live-Show spricht sich herum"

Backstage PRO: Viele Bands fragen sich, was sie tun müssen, damit eine Agentur wie FKP Scorpio auf sie aufmerksam wird. Was rätst du ihnen?

Stephan Thanscheidt: Oft live spielen und dabei Eindruck hinterlassen. Klingt simpel, aber eine mitreißende Live-Show bleibt in den Köpfen und spricht sich herum – und landet so mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf den Tischen der Veranstaltungsagenturen.

Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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