×

"Wir wollen nicht die neutrale Mehrzweckhalle für alle sein"

Carsten Roth vom Schlachthof Wiesbaden über Booking für ein unabhängiges Kulturzentrum

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 10.09.2019

schlachthof wiesbaden booking liveszene konzertorganisation berufswelt

Carsten Roth vom Schlachthof Wiesbaden über Booking für ein unabhängiges Kulturzentrum

Das Booking-Team des Schlachthofs Wiesbaden: (von links) Carsten Roth, Dennis Peters und Carsten "Strubbel" Schack. © Schlachthof Wiesbaden

Der Schlachthof Wiesbaden ist nicht nur einer der bekanntesten Live-Clubs Deutschlands, sondern vertritt auch eine klare politische Haltung. Wir sprachen mit Booker Carsten Roth über sexistische Punkbands, Booking als Teamarbeit und die Herausforderung der schwarzen Null.

Backstage PRO: Das Booking-Team des Schlachthof Wiesbaden besteht aus dir, Carsten "Strubbel" Schack und Dennis Peters. Kannst du bitte euren beruflichen Background erläutern? Habt ihr im Veranstaltungsbereich ein Studium oder eine Ausbildung absolviert oder seid ihr Quereinsteiger?

Carsten Roth: Strubbel zählte vor 25 Jahren zu den Gründern des Schlachthofs und hat in den Anfangsjahren alles nach dem Prinzip "learning by doing" gemacht. Das ging weit über das Booking hinaus: Von Presse und Grafik über Einlass und Toilettenputzen nach den Partys war alles dabei. Dennis kam ein paar Jahre später hinzu, ich erst mit Eröffnung der neuen Halle. Zuvor habe ich eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann bei einer Hamburger Agentur abgeschlossen.

Backstage PRO: Wie teilt ihr euch die Aufgaben auf? Erledigt ihr das Booking im Team?

Carsten Roth: Jeder hat seine Agentinnen und Agenten oder auch ganze Agenturen, mit denen er fest zusammenarbeitet. Zudem teilen wir uns die Aufgaben natürlich nach persönlichen Interessen und musikalischen Geschmäckern auf. Gerade im Hardcore- und Punkbereich haben wir viele Bands schon oft gebucht. Manche Acts buchen wir auch immer wieder für das Publikum. Aber persönlich entwickelt man sich weiter und sucht neue Ziele.

Backstage PRO: Welche Ziele sind das?

Carsten Roth: Wir besitzen den Ansporn neue oder andere Musikrichtungen zu präsentieren, andere Menschen in den Schlachthof zu locken oder eine Herausforderung außerhalb des Schlachthofs zu finden. Strubbel hat beispielsweise in den letzten Jahren maßgeblich die Reihen "Boundless" für Weltmusik und Türk Muzik entwickelt. Dennis hat die Ringkirche als außergewöhnliche Location aufgetan, in der wir bestuhlt Singer/Songwriter präsentieren. Ich habe verstärkt Wave- und Post-Punk-Bands gebucht, was nun zu "Glowing In The Dark", einem neuen Indoor-Festivalformat geführt hat.

"Ohne Teamarbeit endet alles in einer Katastrophe"

Backstage PRO: Wenn ein Act gebucht ist, kümmert sich dann einer von euch ausschließlich oder erledigt ihr das in Teamarbeit?

Carsten Roth: Wenn ein Act gebucht ist, geht die Teamarbeit erst los. Im Schlachthof sind im Tagbetrieb inzwischen fast 30 Menschen fest angestellt. Sobald ein Konzert bestätigt ist, legt jede Abteilung los, da sind die Aufgaben klar aufgeteilt: Marketing und Pressearbeit, technische Vorproduktion, Personalplanung, Ticketing, Buchhaltung. Veranstaltungsplanung ist wie ein Uhrwerk, da müssen zahlreiche Rädchen ineinander greifen. Viele Aufgaben sind verknüpft oder bauen aufeinander auf, ohne Teamarbeit kommt nur eine Katastrophe für Bands und Besucher heraus.

Backstage PRO: In welchem Verhältnis bucht ihr Künstler, die euch von Agenturen angeboten werden und Künstler, die ihr selbst verpflichten wollt und direkt anfragt?

Carsten Roth: Nach fast 25 Jahren und insbesondere seit dem Neubau haben uns alle führenden Konzertagenturen auf dem Schirm und wir bekommen täglich viele Acts angeboten. Dennoch sind wir immer noch in Wiesbaden und nicht in Berlin oder Hamburg zu Hause. Bei manchen Bands müssen wir auch immer wieder nachfragen, nerven und nachverhandeln. Oft liegt es an den englischen Agenturen oder amerikanischen Managements. Da im Englischen das "ie" nicht existiert, heißt unser interner Running Gag "Where the hell is Weisbaden?" Dazu kommt, dass wir alle Musikfans sind, bei uns im Büro läuft auch pausenlos Musik. Und sobald wir etwas Spannendes entdecken, fragen wir an.

"Kommerzvorwürfe pflastern unseren Weg"

Backstage PRO: Könnt ihr den Ablauf eines typischen Booking-Vorgangs beschreiben?

Carsten Roth: Das ist sehr unterschiedlich je nach Agentur, da wir von kleinen DIY-Bookern bis zu weltweiten Milliarden-Marktführern wie Live Nation zusammenarbeiten. Manchmal geht alles sehr schnell und einfach, bei anderen Konzerten ist Rock'n'Roll auch spießig und bürokratisch geworden. Da gibt es dann zig Arbeitspapiere, Verträge und Details und wir verschicken 50 Mails, bis die Show bestätigt wird.

Backstage PRO: Der Schlachthof wurde vor einigen Jahren nicht nur komplett neu errichtet, sondern hat mit dem Kesselhaus jetzt auch einen neu gestalteten Clubraum. Wie zufrieden seid ihr mit den Möglichkeiten?

Carsten Roth: Die große Konzerthalle des Schlachthofs wurde neu errichtet, der Clubraum, der jetzt Kesselhaus heißt, ist in einen mehr als 100 Jahre alten, renovierten Wasserturm gezogen, da wir etwas Charmanteres haben wollten als einen neuen Betonklotz. Als linkes Kulturzentrum aus dem Umfeld der damaligen Hausbesetzerszene ist auch klar, dass ein Teil des Publikums nostalgisch ist: Kommerzvorwürfe pflastern unseren Weg schon seit der Planungsphase.

Aber Fakt ist auch: Ohne die neuen Möglichkeiten hätte ein Großteil der letztjährigen Konzerte gar nicht hier stattgefunden. In der neuen Halle können wir technisch anspruchsvolle Produktionen realisieren, daher treten dort auch Künstler auf, die sonst in viel größeren Locations spielen. Aber das betrifft nicht nur die großen Namen. Da Lichttechnik immer kompakter, leichter und im Verleih billiger wird, haben inzwischen selbst kleine Punkbands manchmal Anforderungen und Ansprüche, die wir in der Räucherkammer niemals hätten umsetzen können.

"Man sollte niemals nach Genres pauschalisieren"

Backstage PRO: Ihr seid bekannt für einen weltoffenen Ansatz, engagiert euch für eine pluralistische Gesellschaft und gegen Rassismus. Dennoch könnt ihr nicht die Gesinnungen aller Bands kennen – gerade im harten Bereich tummeln sich einige Rechtsausleger. Wie geht ihr damit um?

Carsten Roth: Wir schauen in der Tat auf die Inhalte und Haltungen der Künstler. Wir sagen immer, dass wir Künstler aus authentischen Milieus veranstalten wollen, dass heißt auch mal eher einen Straßenrap-Künstler als ein Mainstream-Pop-Thema. Im Rap ist es in den letzten Jahren natürlich extrem schwer geworden, man hat das Gefühl seit K.I.Z verstecken sich alle gern bequem hinter der Ironiemaske. Im Zweifel wägen wir im Team ab, telefonieren auch mit den Agenten oder sogar direkt dem Künstler. Jeden Künstler zu durchleuchten ist natürlich unmöglich, gleiches gilt für das Publikum. 

Backstage PRO: Was könnt unter diesen Umständen tun?

Carsten Roth: Wir bieten mit klarer Haltung einen Ort für eine moderne, aufgeschlossene und vielfältige Gesellschaft. Das sieht und erlebt man vom Kulturpark bis in den Backstage-Bereich. Wenn sich deshalb jemand unwohl fühlt und nicht wiederkommt, ist die Sache ja klar und erledigt. Wir wollen nicht die neutrale Mehrzweckhalle für alle sein. Übrigens sollte man niemals nach Genres pauschalisieren. Es gab hier auch schon vermeintlich linke Punkbands, die nach ein paar Bieren im Backstage-Bereich ein ziemlich sexistisches Verhalten gegenüber Mitarbeiterinnen hingelegt haben und dann aber auf den ersten Blick prollige Metalbands, die unser Engagement für die LGBTIQ-Szene gefeiert haben.

"Die Kalkulationen müssen passen: Am Jahresende muss da eine Null stehen"

Backstage PRO: Der Schlachthof besitzt einen großen Namen, viele Konzerte sind restlos ausverkauft. Was sind dennoch Herausforderungen, die ihr beim Booking bewältigen müsst?

Carsten Roth: Da wir ein gemeinnütziger Verein sind, der keine Gewinne machen darf und auf der anderen Seite eine Eigenfinanzierungsquote von 95% haben, müssen wir vor allem genau einschätzen, welche Bands hier wie viele Tickets verkaufen. Die Kalkulationen müssen passen: Am Jahresende muss da eine Null stehen, was bei einem hohen einstelligen Millionen-Umsatz ein Balance-Act ist. Vor allem die Open Airs sind durch Auflagen kosten- und planungsmäßig sehr arbeitsintensiv. Und wir halten natürlich immer überall Augen und Ohren offen, um neue Trends und spannende Newcomer zu entdecken. Manchmal muss man einfach nur früh genug dran sein.

Backstage PRO: Bei eigentlich allen Konzerten im Schlachthof spielen Vorbands. Oft sind die mit den Hauptacts gemeinsam auf Tour, aber ihr bucht auch regionale Acts. Welche Rolle spielt der regionale Aspekt bzw. die Nachwuchsförderung für euch?

Carsten Roth: Inzwischen haben fast alle Bands ihre eigenen Tour-Supports dabei, das ist richtig. Wenn das nicht der Fall ist und die Hauptband und Agentur nichts dagegen hat, buchen wir aber immer gerne einen lokalen Support-Act hinzu. Wir stehen schon auf runde Konzertabende, ganz klassisch mit Support, Hauptband und davor und dazwischen passender Pausenmusik oder gar DJs. Dazu gesellen sich noch Release-Konzerte oder Kollektiv-Abende regionaler Künstler. Das wird aber seit Jahren weniger, da es auch immer weniger Bands gibt, dafür sind gefühlt heutzutage alle DJs. So funktionieren in Wiesbaden die Partys übrigens am Besten: Es gibt sehr kreative, detailverliebte lokale DJ-Crews, die einen großen Freundeskreis anlocken. Für einen namhaften DJ vierstellig Geld in die Hand zu nehmen und dann einen Eintritt über 10 € zu verlangen, ist hingegen immer gescheitert.

"Alle beklagen den Mangel an technischen Lösungen"

Backstage PRO: Backstage PRO bietet ein umfangreiches Booking-Portal, das man auch dazu benutzen kann, Bands zu buchen. Habt ihr Interesse an technischen Lösungen bzw. technischer Unterstützung des Booking-Prozesses oder bleibt es für euch ein "people's business"?

Carsten Roth: Manchmal wäre eine technische Lösung für unsere Branche schon sehr wünschenswert, da fast alle Veranstalter diesen Mangel beklagen. Seit Jahren fummeln sich alle irgendwas zurecht mit StartUp-Tools für Teillösungen und landen am Ende doch wieder bei E-Mails und Excel-Tabellen.

Auf der anderen Seite freut man sich schon, dass das Musikbusiness noch ein people's business ist, da wir zu vielen Agentinnen und Agenten ein gutes Verhältnis pflegen. Daher schreiben wir auch sehr persönliche Mails oder telefonieren zwei Stunden und sprechen über Fußball statt über Deals. Es gab aber auch schon Absagen von Agenten oder Managern, weil beispielsweise Spotify-Zahlen ausgewertet wurden und die Region als zu schwach für den Ticketverkauf eingestuft wurde. Da denkt man dann schon: bald werden Bots meine Arbeit übernehmen! (lacht)

Backstage PRO: Das wollen wir nicht hoffen. Danke für deine Zeit, Carsten!

Auch interessant

Locations

Schlachthof

Schlachthof

Murnaustr. 1, 65189 Wiesbaden

Ähnliche Themen

Knust-Booker Tim Peterding über neue Formate und die notwendige Markenpflege für Clubs

"Das Knust muss sich immer wieder neu erfinden"

Knust-Booker Tim Peterding über neue Formate und die notwendige Markenpflege für Clubs

veröffentlicht am 01.02.2019

DEAG-Booker David Garcia über aktuelle Trends und Konstanten im Live-Geschäft

"Die Gewinnmargen machen keinen Spaß"

DEAG-Booker David Garcia über aktuelle Trends und Konstanten im Live-Geschäft

veröffentlicht am 15.01.2019

Batschkapp-Booker Matze Brunner über Chancen und Herausforderungen in der Musikindustrie

"Das ganze Geschäft ist einfach sehr viel schnelllebiger geworden"

Batschkapp-Booker Matze Brunner über Chancen und Herausforderungen in der Musikindustrie

veröffentlicht am 26.09.2018   4

"Man kämpft permanent ums Überleben": Interview mit Fred und Mario, Booker des Hamburger Molotow

Beweisen immer wieder ihr Gespür für Trends

"Man kämpft permanent ums Überleben": Interview mit Fred und Mario, Booker des Hamburger Molotow

veröffentlicht am 29.06.2016   2